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Wart doch noch ein Spiel

Eigentlich waren die Zeilen hier schon lange geschrieben: Spätestens nach dem ersten Steelers-Spiel diese Saison wollte ich hier wieder ein Mal ein Fass auf machen. Es sollte um einen Coaching-Staff gehen, der trotz eindrücklicher Kontinuität es nicht schafft, sich selbst und sein System von seinem Superstar-QB zu emanzipieren. Es sollte um ein Running-Game gehen, dass unkreativer und ineffizienter nicht sein könnte und dem jede Explosivität fehlt. Es sollte um einen Receiver gehen, der trotz Vertrags-Jahr ein Schatten seiner selbst ist und plötzlich Bälle fallen lässt und es sollte um eine Defense gehen, die ihrer Probleme viel zu lange hinter ihrer opportunistischen Art und Weise verstecken konnte. 

Bevor ich aber wieder furios in die Tasten hauen wollte, dachte ich zu mir "Wart doch noch ein Spiel". "Dann kannst du dir klarere Gedanken machen und Storylines tiefgründiger einfangen". Ungefähr so war der Gedankengang. Und dann passierte Monday Night Football. "Okay coole Geschichte für Browning und das Team aber wart doch noch ein Spiel, dann wird sich das wieder verlieren." Verloren hat sich seit da aber kaum mehr was. Die Bengals gewinnen unter Jake Browning drei aufeinanderfolgende Spiele auf unterschiedlichste Art und Weise, stehen jetzt bei 8-6 und haben eindrücklich bewiesen, dass du dieses Bengals Team niemals abschreiben darfst. Und das wichtigste daran: Sie haben es geschafft einer verloren geglaubter Saison wieder Leben einzuhauchen und vermeintlich belanglosen Dezember-Spielen wieder enorme Bedeutung zu schenken. Und ganz ehrlich, ich hätte es ihnen nach dem Steelers-Spiel nicht zugetraut.

Was ist also der Status-Quo und welche Stolpersteine könnten sich den Bengals noch in den Weg legen? Lasst es uns gemeinsam Herausfinden:


Wie der Phönix aus der Asche

Okay die Symbolik des aufsteigenden Phönix aus wertloser Asche ist eine masslose Übertreibung, wenn man über die offensive Anpassungen seit dem Burrow-Aus spricht und trotzdem passt das Bild für die ein oder andere Dynamik, die sich die letzten 3 Wochen entwickelt hat.

Am besten passt das Bild natürlich auf den Mann der Stunde Jake Browning. Trotz guter Leistungen am College in Washington wurde im 2019er Draft nicht gedraftet und unterschrieb anschliessen bei den Minnesota Vikings als undrafted Free Agent. Seine NFL-Karriere verlief anschliessend alles andere als rosig. Im Rahmen von Preseason Roster Entscheidungen wurde er von den Vikings mehrere Male gecutted oder als Backup vom Backup in den Practise-Squad geschoben, bis die Vikings schliesslich am 21.8.2021 endgültig entschieden, sich auf ziemlich unrühmliche Art und Weise, wie uns Jake nach dem Sieg gegen Vikings verriet, von Browning zu trennen. Ein paar Tage später landete er auf dem Practise-Squad der Bengals und konnte sich dort festbeissen. Diese Preseason kämpfte er mit Simian um den Backup-Platz hinter Joe Burrow und setzte sich vor allem durch, weil er das weniger schlimme von zwei Übeln darstellte. Die Vorstellungen von Browning in den Testspielen waren alles andere als überzeugend, was vermutlich auch dazu führte, dass die Bengals trotz Verletzung Burrow zu Beginn der Saison aufs Feld schickten. Mit entsprechend wenig Hoffnung auf Erfolg, blickte man auf den Rest der Saison, als klar war, dass Burrow nicht mehr zur Verfügung stehen würde. Und dann kam er, der heldenhafte Aufstieg des andern JB im Kader der Bengals. Wie in der Einleitung erwähnt führ er in überzeugender Art und Weise die Bengals gegen die Jaguars, Colts und sein Ex-Team Vikings zum Erfolg und legt dabei noch nie da gewesene Zahlen auf:  Nur ein Quarterback in der Historie der NFL hat in seinen ersten 4 Spielen über 1000 Yards geworfen und dabei mind. 75% seiner Pässe angebracht: Jake Browning. Das, meine Damen und Herren, ist einfach nur absurd. Die Leistungen von Jake Browning sind sogar so absurd, das der eine oder andere amerikanische Talking-Head auf die Idee kommt, Joe Burrow sei nur ein Game Manager, weil Jake Browning die Offense ja auch zum laufen bringen kann. Ich muss echt aufpassen, dass ich noch alle Haare auf dem Kopf behalte, wenn ich so einen Take höre. 

Die Bengals haben nämlich ihre Offensive sichtlich auf Jake Browning angepasst und ist kaum mehr mit der Joe Burrow Variante zu vergleichen. Mit Jake Brownig spielen die Bengals deutlich weniger Empty Formationen (Ohne RB im Backfield), dafür entscheiden mehr Play-Action Spielzüge und setzten vermehrt auf Screenpässe, statt auf RPO's (Run-Pass-Option). Jake Browining's Stärken liegen vor allem im Lesen von der Mitte des Feldes, weswegen die Bengals vermehrt auf Routen die nach innen brechen bauen und das sogar meistens auf mehreren Leveln der Defensive (sogenantes Levels oder Drive Konzept, schauts euch mal in Madden an für eine besser Verbildlichung ^^). Ein weiterer grosser unterschied ist die Mobilität. Jake Browning fühlt sich auf seinen Beinen deutlich wohler, was vor allem bei den ganze Play-Action Spielzügen zu gute kommt. Wie Burrow auch ist er sich auch nicht zu schade, einfach mal selbst zu laufen, wenn sich ihm die Möglichkeit bietet.

Eine andere Dynamik, die zum einen in das Bild des Phönix aus der Asche passt und zum anderen ein ziemlich grosser Faktor im offensiven Erfolg rund um Jake Browning ist das Laufspiel und die "Entdeckung" der Explosivität von Chase Brown. Seit dem MNF-Spiel gegen die Jaguars teilt sich Dauer(b)renner Joe Mixon das Backfield mit dem 5. Runden Pick dieses Jahres und dies hat dazu geführt, das einem völlig kaputtem Laufspiel neues Leben eingehaucht wurde. Chase Brown stellt mit seinem Speed und seiner Explosivität eine echte Gefahr dar. Nicht nur als Runner sondern eben auch als Receiver. Dies stellte er gegen die Colts eindrücklich unter Beweis als er einen Screen-pass für 54 Yards in die Endzone trug und dabei die zweithöchst gemessene Geschwindigkeit dieses Jahr auf den Tacho brachte. Und auch Joe Mixon profitiert davon. Durch Brown ist sein Verschleiss, während des Spiels deutlich geringer und so kann Mixon seinen Power-Laufstiel auch noch spät im Spiel erfolgreich umsetzten. Und Mixon muss sich dennoch nicht wirklich sorgen machen, in den wichtigen Momenten und entscheidenden Drives hat er nach wie vor das Vertrauen des Coaching-Staffs. 

Die Bengals erlebten also mit oder vielleicht auch wegen Jake Browning eine kleine Renaissance ihres Offensiven Gameplans. Man darf gespannt bleiben, wie viele von diesen neuen Ansätzen nächstes Jahr unter Burrow anklang finden werden. Die Frage die sich mir je länger den mehr stellt ist folgende: Wieso braucht es ein Saison-aus von deinem Superstar-QB bis du endlich mal auf die Idee kommst, ein paar Dinge abzuänderen oder einem viel versprechendem Rookie wie Chase Borwn ne Chance zu geben? Versteht mich nicht falsch, ich bin absolut beeindruckt, wie dieser Coaching-Staff diese schwierige Aufgabe meistern und die entsprechenden Anpassungen finden konnte, trotzdem wäre diese Entwicklung wohl kaum passiert, wenn Nummer 9 noch auf dem Feld stehen würden. 


Stolperstein Defensive ?

Die Bengals sind mit Jake Browning in eine Erfolgsserie gestolpert. Was dabei oft ein wenig hinten vom Wagen herabfällt und vom Wow-Effekt der Browning-Leistungen kaschiert wird sind die oft, sagen wir mal ziemlich schmeichelhaften Leistungen der Bengals Defensive. Dies ist umso mehr erwähnenswert, wenn man bedenkt, dass die Defensive von Lou Anarumo in den letzten Jahren einer der wichtigsten Erfolgstreiber war. 

Heuer sind die Leistungen der Defensive oftmals Anlass zum Haare raufen. Zum einen, wäre da die Laufverteidigung. Schon mit einem fitten Dj Reader konnten die Bengals nur ziemlich wenig gegen das Laufspiel gegnerischer Offensiven ausrichten und da sie nun mit eben diesem ihren wichtigsten und besten Spieler in diesen Belangen für den Rest der Saison an eine Verletzung verloren haben, dürfte die Laufverteidigung alles andere als besser werden. Wo genau da der Schuh drückt, ist für mich als Laie nur schwer auszumachen. Das einzige was ich sehen und bewerten kann sind viel zu viele verpasste Tackles, ein Problem das die Bengals über die ganze Saison hinweg nie wirklich abstellen konnten. Zum anderen ist da das Passspiel. Auch hier haben die Bengals mit einem gewichtigen Ausfall zu kämpfen. Cam Taylor-Britt ist nun seit gut 4 Wochen auf der IR zu finden. Diese Verletzung ist insofern ein Problem, da CTB schon früh in der Saison beeindruckende Leistungen auf den Platz bringen konnte und bis zu seiner Verletzung sogar so gut spielte, dass er  im Laufe der Saison die CB1-Rolle von Awuzie an sich riss, welcher leider nach seiner Kreuzband-Op ziemlich seiner alten Form hinterher rennt. Diese und weitere Entwicklungen in der Defensive führten dazu, dass plötzlich sehr viel junge Spieler, sehr grosse Verantwortung in dieser Secondary übernehmen müssen. Mit Dj Turner, Dax Hill, Jordan Battle und zuletzt auch Dj Ivey standen vier Spieler auf dem Platz, welche dieses oder letztes Jahr gedraftet wurden. Alle diese Spieler können in einzelnen Plays ihr grosses Talent immer mal wieder aufblitzen lassen, allerdings treffen sie auch oft noch falsche Entscheidungen, was wiederum viel zu oft zu weit offenen Receivern führt. Ich weiss nicht, wie oft gegnerische Quarterbacks in den letzten spielen 15-Yard tief weit offene Receiver anwerfen konnten, oft sogar bei langen Third-Downs. So machst du es dem Gegner natürlich viel zu leicht und schenkst ihm "einfache" Yards, etwas was keine Defensive will. Aber Achtung, es wäre falsch, die Mängel in der Passverteidigung nur auf die jungen Spieler zu schieben. Oft gehören da mehrere Faktoren wie Spielzug, Verantwortungen, Absprachen oder das Mithelfen der Linebacker eine Rolle aber auch hier muss ich sagen, dass alles weitere leider meine Verständnis von Defensiv-Football übersteigt.

Und trotzdem konnten die Bengals in den letzten drei Wochen Spiele gewinnen und das ist, weil die Bengals Defensive eine entscheidende Charakteristik auch diesen Saison nie verloren hat: Opportunität und das Näschen für grosse Momente. Es macht einem als Fan echt wahnsinnig, wenn man sich diese Bengals-Defensive Woche für Woche geben darf. In 80% der Zeit reisst du dir die Haar aus dem Kopf und schimpfst wieso das jetzt schon wieder so einfach gehen konnte, nur um zwei Sekunden später an der eignen Goalline in Jubelschrei auszubrechen weil wieder irgend ein Fumble Produziert wurde oder irgendwer ne wilde unerklärliche Interception gefangen hat um den Gegner doch noch vom Punkten abzuhalten. ich weiss nicht, wie die Bengals es wirklich in jedem Spiel schaffen, solche Plays aus dem Hut zu zaubern und eigentlich ist diese Art und Weise von Defensiven Spiel alles andere als Nachhaltig, doch wenn du es wirklich so regelmässig schaffst, muss man es vielleicht trotzdem als Qualität dieser Defensive anerkennen, so verrückt, wie dies klingen mag.

Doch genau hier liegt der Grund für mein Sorge begraben. Was passiert, wenn diese Play irgendwann ausbleiben? Dann bleibt nämlich nicht mehr viel, worauf diese Defensive momentan zurückgreifen kann und könnte zum grossen Stolperstein für die Playoffhoffnungen werden. Davon auszugehen, dass wir mit Jake Browning und Co. weiterhin jedes Spiel 27+ Punkte pro Spiel machen und Spiele mit der Offensive zu gewinnen, ist leider wahrscheinlich ein wenig zu viel verlangt, gerade jetzt, wo auch noch JaMarr Chase für unbestimmte Zeit ausfallen wird.


Ein Ausblick

Drei Spiele stehen für die Bengals noch auf dem Plan. Das wegweisendes zweites Duell gegen die Pittsburgh Steelers, ein wiedersehen mit Patrick Mahomes im Arrowhead Stadium und zum Abschluss das Duell zweier gross auftrumpfenden Backup-Qbs mit Joe Flacco und den Browns. Das Playoff-Picture in der AFC ist gelinde gesagt ein Cluster-Fuck und da die Bengals nicht die besten Tie-Breaker auf ihrer Seite haben, ist es verdammt schwierig zu sagen, was es braucht, dass die Bengals auch Mitte Januar noch Football spielen. Eine Niederlage gegen einen der direkten Division-Konkurrenten wäre wohl nur schwierig zu verkraften und auch die Chiefs musst du trotz schwacher Receiver erst mal schlagen.

Für mich gibt es deshalb nur eine Herangehensweise: Woche für Woche nehmen und so viele Siege einfahren wie möglich sind und Spass haben. Das ist das einzige was die Bengals kontrollieren können, alles andere liegt nicht in ihrer Hand. Und wenns am Ennde ganz knapp nicht sein soll, dann ist es so und wir hatten ne schöne Zeit mit tollem Football in einer verloren geglaubter Saison

Und trotzdem bin ich mir sicher: Jake Browning führt dieses Team in die Playoffs!


Somit bleibt mir wie immer nur noch eines übrig:


WHO DEY!

🐅

(Andrea)







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