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Spurensuche: Offensive Problemzonen

Diese Woche wird es nicht für eine Gamepreview reichen. Ich habe mich dafür über die Woche auf Spurensuche begeben und habe versucht herauszufinden wieso die Bengals Offensive momentan so viele Probleme hat. 

Jetzt kann man das auf verschiedene Arten angehen und die gründlichste wäre sich das All-22-Tape von allen Spielen anzusehen. Dafür bin ich aber absolut nicht Qualifiziert, weil ich Football immer nur als Fan beobachtet habe und mir somit jegliches Knowledge fehlt. Was ich aber machen kann ist lesen und recherchieren. So habe ich mir über die vergangen Woche viel Artikel, Tweets und Statistiken angeschaut und konnte so drei Komponenten herausarbeiten, wieso die Bengals Offensive sich momentan so schlecht präsentiert.

(P.s. Falls ihr dennoch an einer Game-Preview interessiert seid, Schaut doch gerne mal beim German Jungel Podcast oder bei cincinnatibangals_germany auf Instagramm vorbei. Die machen alle einen hervorragenden Job und liefern genialen Bengals Content!)


1. Offensives Scheme vs. Playcalling

Der grosse Tenor in den Berichten und auf Social Media ist der folgende: Die Bengals Offensive besitzt keine schematische Grundlage. Das klingt jetzt zunächst einmal dramatisch aber was bedeutet das eigentlich? Ich habe den Begriff "Scheme" immer als Vereinheitlichung für den gesamten offensiven Plan verstanden. Das "Scheme" ist also die Art und Weise wie die Offensive gesamthaft angreifen und gewinnen will. Letztes Jahr war es eindeutig. Der offensive Plan bestand daraus, deine Playmaker Big Plays machen zulassen. Das alleine ist schon ein recht simpler Ansatz für ein so komplexes Konstrukt wie eine NFL-Offensive aber der Erfolg gab ihnen Recht. Wieso auch nicht sich drauf verlassen das Burrow die Nr.1 tief findet, klingt in 2021 wie die logischste Sache der Welt. 

Und 2022? Dieses Jahr herrscht für die Bengals Offensive eine andere Realität. Die gegnerischen Defensiven geben Woche für Woche alles daran das Chase genau das nicht mehr machen kann. Und genau da setzt dann die Problematik ein. Die Bengals finden darauf keine Antworten. Weder im Rungame noch im Passspiel und so entsteht eine Offensive die genau dann funktioniert, wenn Spieler ihre Gegenspieler einfach im Eins gegen Eins schlagen. Und anstatt das sich die Offensive jetzt weiterentwickelt, versucht neue Wege z.B: über Play Aktion oder mehr Routen über die Mitte zu gehen, versucht man immer noch diese Shots auf Chase zu kreieren. Das hat dann nämlich für mich weniger mit dem Playcalling, also dem auswählen von einzelnen Plays in bestimmten Situationen, sondern viel mehr eben mit dem Grundsätzlichen Scheme zu tun. Die Bengals haben keinen grundlegenden Plan, wie sie ihre Receiver frei bekommen. Und eben weil dieser Plan dann fehlt, wirkt das Playcalling auf uns Fans so willkürlich und schlecht. Weil wir nicht sehen das einfache Yards kreiert werden, weil wir nicht sehen das einzelne Plays aufeinander aufbauen, weil man dann krampfhaft mit irgendwelchen Trickplays versucht den Überraschungsmoment zu generieren und weil man an der Goalline scheinbar keine Wege findet seinen besten Spielern Chancen auf Punkte zu geben. 
Diese Scheme-Problematik lässt sich an einem einfach Beispiel verbildlichen. Hier seht ihr im Vergleich der Routtree von Justin Jefferson und JaMarr Chase aus Woche 5:


Die Konklusion daraus ist relativ simpel. Wenn dein bester Receiver nur solche Routen läuft, ist es schwierig ihn in Szene zu setzten. Dasselbe gilt meiner Meinung nach für Boyd im Slot. Gerade er müsste davon profitieren können, dass er Underneath und über die Mitte deutlich mehr Platz bekommt, aber der offensive Plan der Bengals scheint überhaupt nicht darauf ausgerichtet zu sein, weshalb man in den meisten Spielen den Impact von Boyd aus dem Slot irgendwie vermisst. Klar ist auch, in einer Offensive mit Chase, Higgins, Boyd, Hurst und Mixon, kann nicht jeder immer gleich gut gefüttert werden. Andersrum kann man argumentieren, dass genau diese Matchupprobleme sich die Bengals noch viel mehr zu Nutze machen sollten.


2. Das Rungame und der Einfluss auf die Offensive

Gerade am Anfang der Saison wurde viel über das Rungame geschrieben und dies absolut zurecht. Der Run hat überhaupt nicht funktioniert und dies hatte mehrere Gründe. Zum einen wurde in den Medien die die neu zusammengesetzte O-Line dafür Verantwortlich gemacht. Gerade im Rungame ist anscheinend die Kommunikation bezüglich Blocks besonders wichtig, weswegen es oft zu verpassten Blocks und frühen Kontakt mit Mixon kam. Gerade dieser Stand aber (vor allem auch bei mir) im Zentrum der Kritik. Anfangs der Saison schleppte er noch eine kleine Verletzung mit sich und man hat ihm sichtlich angesehen, dass er seiner neuen O-Line einfach nicht vertraut hatte. Mixon war extrem zögerlich in seinem Laufstil und war auffallend schlecht darin, für sich selbst Yards zu schaffen. 

Das Problem an der Sache: Das Laufspiel erlebt in dieser Saison eine gewisse Renaissance. Weil Verteidigungen, mit den zum Trend gewordenen Cover 2 Shells, alles daran geben den Pass zu verteidigen, werden sehr viele Räume für den Lauf frei. Teams die den Ball neben einem ordentlichen Passspiel auch effektiv laufen können sind klar im Vorteil. Diesen Vorteil konnten sich die Bengals über die ersten vier Spiele nicht erarbeiten, weil gegnerische Defensiven das Bengals Laufspiel nicht respektiere mussten. So konnte man dann gemütlich sich auf die Passverteidigung konzentrieren und Burrow das Leben zur Hölle machen.
 
Im Spiel gegen die Ravens kam dann Plötzlich der Umschwung. Mixon lief Mal ums Mal für 7+ Yards und es schien als ob das Rungame plötzlich die Lösung für seine Probleme gefunden hätte. Im 5. Drive gegen die Ravens gab es nämlich, und da sind wir wieder beim Thema, eine schematische Umstellung im Rungame. Ich habe diese in der Review zum Ravens spiel genauer beleuchtet daher werde ich dass jetzt hier nicht nochmal tun. Aber das Wichtigste daran: Weil der Lauf plötzlich gefährlich wurde stellten die Ravens wieder mehr Verteidiger in die Box und gaben so im Passspiel ein paar Dinge auf. Chase wurde weniger gedoppelt und Burrow versuchte das sofort zu attackieren, leider mit mässigen Erfolg aber es zeigt, welchen Einfluss das Rungame eben auf die gesamte Offensive hat. Zu diesen Phänomen gab es auch ein gutes Video bei Joe Goodberry auf Twitter:


Für mich ist die Sache klar. Unsere Rungame muss gefährlicher werden, damit die gesamte Offensive davon profitieren kann. Wenn man mit der Umstellung gegen die Ravens tatsächlich etwas gefunden hat, was besser für unsere Offensive funktioniert, sollte man da definitiv weiter drauf aufbauen. Joe Mixon zu liebe aber vor allen auch dem anderen Joe zu liebe.


3. Joe Burrow ist noch nicht Joey Sheisty

Neben dem Scheme und dem Rungame war auch immer mal wieder Joe Burrow ein Thema in den Medien. Ganz offensichtlich nach der Week One Horror Show gegen die Steelers, aber auch in den darauffolgenden Wochen lies die leise Kritik an Joe Burrow nicht ab. Oft wurden seine Problemchen aber damit abgetan, dass er durch die Blinddarm-Operation fehlende Trainingszeit hatte und ihm einfach noch die Reps fehlen. Dies kann man sicherlich als legitimen Grund gelten lassen und doch wird es der Tatsache nicht ganz gerecht, das wir momentan nicht den Joe Burrow sehen, welchen wir letztes Jahr in den Playoffs gesehen haben. In welchen Bereichen kann und muss sich Burrow also noch steigern?

Wie eigentlich die ganze Offensive muss Burrow besser gegen Cover-2-Verteidigungen werden. Man merkt, dass Burrow gegen diese Verteidigungsart sichtlich unsicher wirkt und sie sehr zögerlich bespielt. Dies hat die Auswirkung, dass Burrow den Ball sehr lange, wenn nicht meistens sogar zu lange, hält und so der gegnerischen D-Line alle Zeit der Welt gibt zu ihm durchzukommen. Das ist eine ziemlich überraschende Entwicklung, wenn man bedenkt, wie schnell Burrow teilweise letztes Jahr den Ball loswerden musste, weil er einfach keine funktionierende O-Line vor sich hatte. Und das Zögerliche hat eben auch Auswirkungen auf die Passfenster die Burrow gegen diese Verteidigungen zur Verfügung stehen. Man kann auch gegen diese Cover-2-Shells etwas tiefer über die Mitte Anspielstationen finden, nur sind die Passlücken dafür meistens etwas kleiner. Letztes Jahr hat Burrow auch solche Passfenster gezielt und vor allem aggressiv attackiert. Dieses Jahr aber scheint er davon eher abstand zu nehmen. Vielleicht, und das ist jetzt eine persönliche Vermutung, hat hier auch ein wenig das Vier-Interception-Spiel gegen die Steelers eine Rolle gespielt, dass sich Burrow nicht mehr traut, solche Passlücken zu attackieren. 

Eine zweite Sache die Burrows Spiel diese Saison auf eine gewisse Art und Weise prägt ist, dass er viel zu oft Pässe forciert. Es wirkt auf mich so, als hätte Burrow manchmal bereits schon vor dem Snap entschieden, dass der Pass nur auf Chase gehen wird. So setzt er den Spielzug dann auch um, andere Möglichkeiten und Route Kombinationen schaut er gar nicht an, wartet (oft zu lange) ab und wirft den Ball in Richtung Chase. Diese Angewohnheit hat sich schon der eine oder andere Verteidiger für eine Interception zu Nutze gemacht. Das aktuellste Beispiel für dieses Phänomen wäre die Interception von LB Patrick Queen im Spiel gegen die Ravens. Es macht natürlich Sinn, wenn du als Quarterback möglichst oft den Ball in Richtung deines besten Playmakers bringen willst aber wenn du das ganze so offensichtlich planst wird es schnell zum Geschenk für die Defense. Joe Burrow muss also das Feld wieder ein bisschen besser lesen und versuchen den Receiver anzuspielen der offen ist. Im angesprochen Spielzug gegen die Ravens wäre dies z.B. Joe Mixon gewesen, der nach dem Catch etwa 20 Yards freien Raum vor sich gehabt hätte.
Und trotzdem: Burrow ist immernoch ein verdammt guter Quarterback und in mehr Spielzügen als weniger, kann er für die Offensive den Unterschied ausmachen. Joe Burrow spielt immer noch gut bis teilweise sehr gut. Er spielt leider einfach nicht auf dem Elite-Level von den Playofffs letztes Jahr und in der Summe mit all den anderen Problemzonen in der Offensive führt das dazu, dass die Offensive viel zu oft enttäuscht.


Honerable Mention: Tee Higgins Verletzungen

Ganz kurz möchte ich noch auf Tee Higgins zu sprechen kommen. Man merkt diese Saison einfach wie wichtig er für dieses Team ist. Wenn sich die gegnerischen Verteidigungen auf Chase einschiessen machen sie meistens einen grossen Fehler, weil sie so das Feld Higgins überlassen, der als Receiver auch sehr gefährlich werden kann. Leider ist Higgins immer mal wieder angeschlagen und so kann die Bengals Offensive leider viel zu wenig, von diesem tollen Missmatch profitieren. Ich könnte mir vorstellen, das wir beispielsweise das Spiel gegen die Ravens hätten gewinnen können, wenn statt Mike Thomas, der seine Sache definitiv nicht schlecht gemacht hatte, Tee Higgins auf dem Feld gestanden wäre. Gerade in dem Moment als die Ravens wieder mehr versuchten dem Run entgegen zu kommen, wäre es optimal gewesen wenn Burrow neben Chase noch einen zweiten wirklich gefährlichen Receiver auf dem Feld gehabt hätte. Die Ausfälle von Tee Higgins sind für mich also ein klitzekleiner Mitgrund für die offensiven Probleme der Bengals.


Somit bleibt mir zum Schluss wie immer nur noch eines übrig:


WHO DEY!

🐅





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